Müdigkeit bei Verkehrspiloten:
Ein mittlerweile ernstzunehmendes Problem



Der Deutsche Fliegerarztverband e.V. als Organisation der Flugmedizinischen Sachverständigen, die die Pilot/inn/en regelmässig auf ihre körperliche Tauglichkeit untersuchen und dabei auch gesundheitliche und Befindensprobleme erfassen, sieht mit Sorge, dass die sog. Umlaufzeiten für die Verkehrspiloten mit zunehmenden wirtschaftlichen Zwängen der Luftfahrtgesellschaften ständig enger und ständig weniger vereinbar mit dem biologischen Rhythmus der Pilot/inn/en geworden sind.

Die Folge: Ein grosser Teil der Pilot/inn/en dürfte im Cockpit mit unter- und gelegentlich sogar überschwelliger Müdigkeit kämpfen. Das gilt besonders für Nacht- und Langstreckenflüge. Einzelfälle von Übermüdung werden den Fliegerärzten immer wieder berichtet. Zum Beispiel, dass in Endanflügen Kurzschlafepisoden auftraten oder dass eine komplett eingeschlafene Crew nach dem Aufwachen zunächst die Frequenzorientierung nach aussen aufnehmen musste. Gravierend an dem Problem Müdigkeit im Cockpit ist, dass am Ende eines - beipielsweise Nacht- und/oder Langstreckenfluges - während des Einfluges in das Zielgebiet die grösste Konzentration seitens der Pilot/inn/en mobilisiert werden muss. Hier kommt seit einiger Zeit hinzu, dass passionierte Zigarettenraucher im Cockpit nach einigen Stunden in den Nikotinentzug kommen und ihre mentale Leistungsfähigkeit noch einmal deutlich beeinträchtigt wird. Das liest sich vielleicht als vernachlässigbare Episode, ist aber ein tatsächliches Problem.

Diese Fakten sind Interna, die Pilot/inn/en nicht öffentlich und allenfalls verhalten gegenüber ihrem Arbeitgeber äussern würden, da sie als Einzelne schnell isoliert wären und sich ebenso schnell in der Ecke eines nicht voll belastbaren Cockpitpersonals wiederfänden.

Aus Sicht des Fliegerarztverbandes ist das Problem deshalb noch nicht in der Öffentlichkeit angekommen, weil die Computerassistenz der modernen Verkehrsflugzeuge und ihr Zusammenstoss-Warnmanagement nicht jeden Konzentrationsmangel zum sicherheitsrelevanten Fehler werden lassen.

Die Vertretung der Piloten gegenüber der Arbeitgeberschaft scheint das Problem Müdigkeit im Cockpit nicht effektiv zu artikulieren, vielleicht, um die Einkommenssituation - die sich durch längere Ruhephasen möglicherweise verschlechtern würde - nicht zu belasten.

Daher werden als Offizielle vermutlich nur die Fliegerärzte der Piloten von dieser täglichen Erscheinung in Kenntnis gesetzt. Daraus ergibt sich allerdings für den Deutschen Fliegerarztverband die Verpflichtung, das Problem zum Schutz der Piloten und der Luftsicherheit öffentlich zu machen.

Das Problem Müdigkeit im Cockpit ist nicht neu - in Lastwagen und Omnibussen kommt es vergleichbar vor. Neu ist, dass die aus "Umläufen" bestehende Flugreihenfolge in den Dienstplänen der Pilot/inn/en in den letzten Jahren ständig enger und rücksichtsloser gegenüber dem menschlichen Tag-Nacht-Rhythmus geworden ist und sich zum Luftsicherheits-relevanten Problem aufgebaut hat.

Im Kern müssen sich heute die Pilot/inn/en dem Computer anpassen. Sie müssen per Dienstplan Schlafphasen zu Zeiten einlegen - zum Beispiel tagsüber -, an denen sie nicht erholsam schlafen können. Anschliessende Nachtflüge im dunklem Cockpit bei eintönig-dämmeriger Instrumentenanzeige und nur gelegentlichem Funkverkehr sind kaum hellwach zu überstehen. Das ist keine Schwäche, sondern Eigenschaft der menschlichen Physis, die auch Pilot/inn/en nicht ausser Kraft setzen können.

Man wird alsbald die Dienstplangestaltung der Pilot/inn/en umstellen müssen: Der Computer und die Umlaufpläne müssen künftig an den Menschen angepasst werden. Das erscheint zum grossen Teil ohne wirtschaftliche Einbussen für die Fluggesellschaften machbar, aber man müsste Kosten generieren und Fachleute für den biologischen Rhythmus hinzuziehen. Das wäre kein Kotau vor maschinenstürmenden Zurück zur Natur - Freaks, sondern ein dringend gebotener Tribut an die Flugsicherheit.

Ein Blick auf die Deutsche Flugsicherung (DFS) zeigt Möglichkeiten auf. Man hat dort - eigenen Angaben zufolge - die Dienstpläne der Fluglots/inn/en so strukturiert, dass in der Abfolge der Schichten die nächste jeweils später als die vorangehende beginnt. Die DFS berichtet von guten Erfahrungen hinsichtlich der Vigilanz des Flugbetriebspersonals. Ähnliche Ansatzpunkte lassen sich auch in den Dienstplänen der Pilot/inn/en verwerten.
Konnotiert: Burn out Syndrom, Übermüdung, Konzentrationsstörung